Die Basler Fasnacht hat seit jeher ein feines Gespür dafür, was die Menschen beschäftigt. Politische Ereignisse, gesellschaftliche Debatten und lokale Ärgernisse werden aufgegriffen, zugespitzt und zu Sujets. Wie diese Tradition heute weiterlebt, zeigt die Gundeli Clique. Sujetobfrau Florence Roth erzählt, was eine gute Idee ausmacht und wie daraus Fasnacht wird.

Florence Roth gestaltet die Fasnacht als Sujetobfrau mit und vermittelt sie als Kuratorin der Ausstellung «Basler Fasnacht» im Museum der Kulturen Basel. (Bild: Jo Meier)
Die Fasnacht war schon früh ein Spiegel ihrer Zeit. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts wählten Fasnächtler:innen ein Thema oder Sujet für ihren Zug. Zunächst musste dieses nicht zwingend aktuell sein. Doch bald wurde das politische und gesellschaftliche Geschehen zu einer schier unerschöpflichen Quelle für neue Sujets.
Um 1820 tauchten vermehrt politische Themen mit direktem Gegenwartsbezug auf. In den bewegten Jahren um 1848 und 1849 boten etwa die badische Volkserhebung, die deutsche Flotte oder Louis Napoleon Bonaparte Stoff für die Fasnacht. Mit der Zeit wanderte der Blick stärker nach Basel. Wasserversorgung, Kanalisation, Weinverfälschungen oder die Einführung der Impfpflicht konnten plötzlich zum Sujet werden. Was die Menschen beschäftigte, landete früher oder später auch auf der Strasse. Beispiele dafür sind in der Ausstellung «Basler Fasnacht» im Museum der Kulturen zu entdecken.
Wem gehört ein Sujet?
Mit der wachsenden Zahl der Cliquen entstand allerdings ein neues Problem. Was passiert, wenn mehrere Gruppen dieselbe Idee haben? Ende des 19. Jahrhunderts sorgte es für Kritik, wenn verschiedene Gesellschaften denselben Gegenstand ausspielten.
Das Fasnachts Comité versuchte deshalb, Ordnung in die Sujetwahl zu bringen. 1957 wurde die Regel schriftlich festgehalten: Jede Clique musste ihr Sujet melden. Wollten mehrere dasselbe Thema behandeln, erhielt jene den Vorrang, die es zuerst eingereicht hatte. Wer die Vorgaben missachtete, riskierte eine Kürzung der Subventionen um 50 Prozent.
Die Regel förderte auch den Erfindungsgeist. Cliquen reichten wenig aussagekräftige Arbeitstitel ein, damit die Konkurrenz nicht zu früh erfuhr, was geplant war. 1982 wurde die Meldepflicht aufgehoben. Seither dürfen verschiedene Cliquen dasselbe Sujet behandeln. Für Florence Roth macht genau das den Reiz aus. «Es ist spannend zu sehen, was verschiedene Cliquen aus demselben Thema machen.»
Der überraschende Dreh
Was früher noch spontaner geschah, beginnt heute bereits Monate vor der Fasnacht. Bei der Gundeli Clique sucht jeweils ein Team nach möglichen Sujets, seit 2026 amtet Florence Roth als Sujetobfrau. Entscheidend ist für sie nicht, ob ein Thema besonders gross oder prominent ist. «Es muss etwas sein, das die Menschen bewegt», sagt Florence Roth. Manchmal sei gerade interessant, was zunächst kaum jemand auf dem Schirm habe.
Damit daraus ein gutes Sujet wird, braucht es mehr als Aktualität. Florence Roth sucht nach einem Gedanken, der sich weiterdrehen lässt: «Man muss um die Ecke denken.» Gerade eine abstrakte Darstellung könne ein Thema spannend machen und die Menschen dazu anregen, selbst weiterzudenken. Als Beispiel nennt sie «Mental Load». Die unsichtbare Belastung wurde mit Geistern dargestellt und damit sichtbar gemacht.

Als Geister verlieh die Gundeli Clique dem unsichtbaren «Mental Load» eine Gestalt. (Bild: Lorenzo Parma)
Wenn aus dem Margarethenpark eine Schlacht wird
Besonders gelungen ist diese Übersetzung für Florence Roth bei «Schlacht um Margrethe, Dr Kampf fir Spiil und Spass». Das Sujet griff 2016 die ungewisse Zukunft der Kunsteisbahn Margarethen auf. Die Anlage war sanierungsbedürftig, doch die nötigen Kosten sollten zunächst nicht bewilligt werden. Im Gundeli regte sich Widerstand gegen eine mögliche Schliessung. Die Gundeli Clique machte daraus einen Kampf um Spiel und Spass und liess auf der Fasnachtsstrasse eine eigene Schlacht entstehen.
Die Clique trat dabei als grüne Zinnsoldaten auf. Die Figuren waren in derselben Farbe gehalten und nahmen die typischen starren Posen der Spielzeugsoldaten ein. «Das ergab ein starkes gemeinsames Bild», erinnert sich Florence Roth. Gerade diese Verbindung ist ihr geblieben. Ein konkreter Konflikt aus dem eigenen Quartier wurde nicht einfach nacherzählt, sondern in eine eigene fasnächtliche Bildsprache übersetzt.

Grüne Zinnsoldaten zogen für die «Schlacht um Margrethe» durch Basel. (Bild: Gundeli Clique)
Darin zeigt sich auch, was immaterielles Kulturerbe bedeutet. Die Basler Fasnacht lebt nicht davon, alte Formen unverändert zu wiederholen. Wissen, Satire und gestalterische Fähigkeiten werden weitergegeben und mit den Themen der jeweiligen Gegenwart verbunden. Die Sujetfindung ist deshalb Tradition und Erneuerung zugleich.
Die Reaktion kommt direkt
Ob diese Übersetzung funktioniert, zeigt sich für Florence Roth spätestens an der Fasnacht. «Man merkt es vor allem an den Reaktionen am Strassenrand. Schauen die Leute genauer hin oder blättern sie im Zeedel herum, dann weiss man, dass das Sujet etwas ausgelöst hat», sagt sie.
Dass auch unerwartete Themen beim Publikum ankommen, zeigte ein Sujet zur Menstruation. Die Gundeli Clique erhielt darauf besonders viele positive Reaktionen. Für Florence Roth zeigt dies, wie wichtig es ist, gesellschaftliche Themen aufzugreifen und ihnen an der Fasnacht eine eigene, kreative Form zu geben.

«MENSCHtruazioon. Hesch e Problem, bisch du s Problem» hiess das Sujet der Gundeli Clique an der Fasnacht 2025. (Bild: Lorenzo Parma)
So bleibt ein Prinzip bestehen, das die Basler Fasnacht seit dem 19. Jahrhundert begleitet. Die Themen wechseln, die Art ihrer Umsetzung verändert sich. Der Anspruch bleibt, die eigene Zeit genau zu beobachten und ihr für drei Tage ein anderes Gesicht zu geben.
- Dieser Beitrag ist ein weiteres Ergebnis der Partnerschaft zwischen fasnacht.digital und fasnacht.ch. Text: Tabea Page.


