Wenn man so am Strassenrand den Cortège vorbeiziehen sieht, könnte man zeitweise schon depressionsgefährdet sein, so viel Weltschmerz mit den Stichworten Krieg, Trump, Putin etc zieht vorbei. Aber dann kommen wieder Gruppierungen, die ein überraschendes Sujet gewählt haben – und dies erst noch schön verklausulieren.
Da wird doch des öfteren bei den Fasnächtlern so richtig herrlich um die Ecke gedacht. So denkt man bei «Suuguss» der Gääle Daggel natürlich sofort an die klebrigen «Dääfeli» die dem Umsatz von Zahnärzten so förderlich sind. Falsch gedacht! Es geht um alles, was an uns das Jahr über saugt, von Hornissen über Wespen und «Brääme». Dazu gehört auch die ungeliebte Staatsstelle:
Suuge duet au s Schtyyramt greftyg
jedes Joor und zimmlig heftyg
Dass das Jubiläum der Mittleren Rheinbrücke nicht Anlass für ein Stadtfest war, beklagen die Abverheyte, die das berühmte Lied «Sur le pont d’Avignon» weiterdichten mit «on n’y danse pas» und finden, dass es früher viel lebhafter zuging:
Zwai Hafefeschter, Fähridaufi
E Feschtblaggedde? Joo, die kauf y
und usserdäm bruucht jede Zächer
Pro Fescht e neu kreierte Bächer.
Es gibt auch Stammcliquen, die sich mit etwas grundsätzlichem beschäftigen, bei der Gundeli mit dem Stress, den wir uns – meist elektronisch unterstützt – selbst machen:
Per Mail en Ylaadig – s bruucht d Antwort sofort
Per Doodle wird abgmacht: Salat oder Süppli
Per Whatsapp griegsch denn no dr abgmachti Ort
und d Vorfröid, die dailsch denn im Instagram-Grüppli
Ebenfalls ins Grundsätzliche tendiert der Zeedel der Aagfrässene mit dem Sujet «Gstämpflet», wobei hier nicht die Post gemeint ist, sondern die Unzahl Vorurteile, die uns begleiten:
Duesch hittigsdaags diskutiere oder gar insischtiere
wotsch d Mainig saage und au emool argumentiere
denn bisch rächthaberisch und bassisch nimm in d Wält
und wirsch abgstämpelt mit e Huffe Voorbehält.
Dass es nicht nur international hakt, sondern auch Basel nicht mehr viel auf die Reihe bekommt und sich oft kleinkariert zeigt, thematisieren die Runzlebieger mit dem Sujet «Basel ghyyslet» und nennen gleich Beispiele:
Mr bikemme kai Hallebad aane oder e Roger Federer Halle
well immer eppis ebberem nit duet gfalle
Grossi Ydee, aber denn isch nyt bassiert
isch Basel jetzt grooss oder glaikariert?
Aber eben, dann wird es tiefschwarz, etwa bei den Rhyschnooge, auch wenn sie als (AFD-)blaue Clowns daherkommen mit dem in altdeutscher Schrift verfassten Sujet «Hurra! Wir sind wieder da». Mit Sorge betrachtet wird das Aufkommen der rechten Szene, nicht nur bei unseren nördlichen Nachbarn:
Si meechten e Wält wie friener haa
Waissch, aagfiert vom e stargge Maa
Denn, was dää sait, das glaubt men au
Im Schwoobeland isch dää e Frau
Als Gesamtkunstwerk kommen die Alte Stainlemer, die mit 100 Jahren Junge Garde und 75 Jahren Alte Garde gleich doppelt jubilieren. Über die Weltlage können sie aber überhaupt nicht jubilieren und titeln denn auch «Krieg um Frieden». Die «Laterne» ist eine Friedenstaube und auf dem Zeedel in Doppel-A4-Format verwandeln sich die berühmten Raffael-Puttenengel in stahlhelmbewehrte Putin und Trump, überflogen von anderen Staatenlenkern als Raketen. Zu bedenken geben sie:
Der Friide funggtioniert nit schlächt
basiert är uf em Völggerrächt,
will är die Glaine, Schwache schützt,
was schliesslig alle Mensche nützt.
Hier das Bild dazu und gleich noch einige andere zu eher düsteren Themen:
Hurra, endlich mal ein anderes Sujet, meint man beim Lesen des Verschnuuffer-Zeedels mit dem Titel «Si wänn jo nur spiile». Es geht aber nur vordergründig um bissige Hunde und deren verharmlosende Besitzer, mit dem Anfangsvers:
Wenn Du im Wald goosch go spaziere
no kah s Dir guet und gärn passiere
dass s bletzlig an dr Waade zwiggt
well so-n-e Hundeviech usstiggt.
Aber dann schwenkt auch dieser Zeedel-Dichter auf Trump, Putin, Macron, Merz und Meloni um und fordert zum Schluss eine drastische Massnahme:
Mit Spiile het das nüt mee z tue
die alte Segg gänn nie meh Rueh
Me sott ene der Arsch versoole
und denn soll si dr Teyfel hoole
Man könnte noch mehr erwähnen, etwa den Dupf-Club mit «Make America Great Britain again» oder die Sans Gêne mit «iberTRUMPft!!». Oder die Opti-Mischte, die verzweifelt titeln: «Es fallt uns schwäär Opti-Mistisch z blyybe». Immerhin wird von den Glunggi eine Lösung – zumindest für die Schweiz – angeboten, nämlich das Schicksal an der Urne in die eigene Hand nehmen:
Mir alli hän d Kontrolle in dr Hand
und entschaide über uns mitenand.
Muessch nit über die do Oobe klaage,
denn bi uns hänn mir Bürger s Saage!
Drum mergg dr die ganz simpli Wyysig:
Stimm ab oder sunsch hyyl lyyslig.
Bei so viel Weltschmerz-Sujets freut es den Berichterstatter so richtig, wenn wieder ein Stamm mit einem harmloses Thema auftaucht und sich wie die Spale-Clique dem Hobby-Horsing verschreibt, also dem «Reiten» auf Stecken mit hölzernen Pferdeköpfen. Das hat seinen Grund, wie der Zeedeldichter schreibt:
Was gheert uf e Rossrugge? Y mach mer Gedangge
Wäder Sattel no Rytter no Gryterangge
Hervorragend ist auch die Show, die sie dazu vor dem Comité abziehen:
Zusammen laufen die Rippezwigger und Stadtpfyffer mit dem Sujet «Grien Stadt Basel» und dem prägnanten Zweizeiler:
Am Fänschter rieft dr Atici
s soll jeede Daag Grien-Dunnschtig sy
Die Alti Richtig fürchten derweil um die Zukunft der Fasnacht, wenn alle neumodischen Tendenzen auch auf sie übertragen werden. «So nit!» lautet das Sujet und auf dem Zeedel ist passend knapp ein Dutzend Mal der erhobene Zeigefinger abgebildet. Befürchtet wird unter anderem, dass bald die klassischen Fasnachtsfiguren umbenannt werden müsen:
Däm digge Gnot uf jedem Wage
darf me nimme Waggis sage.
Me wott stattdesse s Guet betone
Sait ‘vinophile Frankophone’.
Au gege s Schimpfwort Alti Dante
zeige mir e klari Kante
So sait me jetzt däm Fasnachtswäse:
No guet im Saft, halt wyblig gläse
Wenn man sich nicht so recht für ein Geschlecht entscheiden kann, könnte dies an mangelnder Sex-Praxis liegen, vermuten die Phenix:
Bisch männlig, wyblig oder nonbinär
Waisch au das nimm, denn isch es scho z’lang här
Wir wollen so langsam zum Schluss kommen und dies in versöhnlicher Manier. Die Gniesser – Nomen est Omen – sehen zwar auch all die Probleme in der Nähe und auf der Welt, haben aber eine Medizin dagegen:
Die ainzig Hailig, maint dr Narr
und daas ganz ooni Honoraar
isch d Impfig jetzt im Februar
mit Fasnachtsvyyre sunneglaar!
Am Ende dieses Berichts soll der Schlussvers aus dem Zeedel der Antygge stehen, der sich um den ganzen Weltschmerz foutiert und kurz und knapp reimt:
Und isch die ganzi Wält am Arsch
fir uns haisst s: Glopfgaischt Vorwärts Marsch!
Im Laufe des Abends kommen noch mehr Fotos – einfach mal wieder rein schauen oder die App beachten. Was – unsere App noch nicht runtergeladen? Dann wird’s ja Zeit. Anleitung s. unten…


