Charivari: Zuerst brilliert die Musik, dann auch der Text

24. Januar 2026 | Von | Bilder: Nicole Messer | Kategorie: Nachrichten

Es ist ein würdiges Jubiläum, 50 Jahre Charivari und kein bisschen verstaubt. Die Mischung aus hochklassiger Fasnachtsmusik und vor allem im zweiten Teil guten Wortbeiträgen, gewürzt mit etwas Reminiszenz auf das vergangene halbe Jahrhundert, weiss das ausverkaufte Volkshaus an der Premiere zu begeistern.

Fangen wir ausnahmsweise von hinten an. Die Schlussnummer war lustig mit fein gedrechselten Versen und einer Olivia Zimmerli, die ihr grosses Gesangskönnen beweisen konnte. Dazu zeigte sich die Grösse, auf die das Charivari in den Jahren personell gewachsen ist: Rund 350 Mitwirkende und Helfer stellten sich zum Schlussapplaus auf. Und diese konnten ein Premieren-Publikum verabschieden, dass wohl grossmehrheitlich mehr als nur zufrieden in die kalte Januar-Luft strebte. Der Tenor: Ein würdiges Jubiläum!

Vor der Pause dominierte die Musik

Aber zurück zum Anfang: Im Teil vor der Pause stachen ganz klar die musikalischen Elemente hervor. Besonders der Pfeifermarsch «50er» von Michael Robertson kurz vor der Pause begeisterte: 50 Musiker der Schärede, der Spitzbuebe und der Seibi intonierten das für das seinerzeitige Bajass-Jubliäum geschriebene Werk und ernteten verdienten Jubel des Publikums.

Auf Trommelseite standen Maurice Weiss und Ivan Kym bei ihrem «Doppel-Solo» dem qualitativ in nichts nach. Hochstehend auch die Darbietung der Aescher Schlössli-Schränzer, die allerdings eher in der Sparte Big Band zu verorten sind. Da schränzte es bei den Ohregribler nach der Pause deutlich mehr, die einen regelrechten Alpaufzug inklusiv Talerschwingen (einen Fünfliber im Topf kreisen lassen) inszenierten.

Noch etwas verhalten waren vor der Pause die Wortbeiträge. Die Idee, eine Runde von Departementssekretären nach einem Grossanlass suchen zu lassen, damit ihre Chefs brillieren können und das gemeine Volk von den wirklichen Problemen abgelenkt wird, hätte Potential. Obwohl sich Tim Koechlin (in einer lispelnden Frauenrolle) und Stephanie Schluchter buchstäblich die Seele aus dem Leib spielten, war einfach zu wenig Fleisch am Knochen. Und auch die Tatsache, dass an der Fasnacht oft Geschichten nur bis zur Hälfte erzählt werden, seil man dauernd unterbrochen wird, gab nicht wirklich genügend her.

Das heisst nun aber nicht, dass man sich bis zur Pause etwa langweilen musste, ganz im Gegenteil. Im Prolog vernahm man mit Erstaunen, was neben dem Charivari vor 50 Jahren so alles seinen Anfang nahm. Und in seiner Interpretation von John Lennons «Imagine» traf Roman Huber absolut den Nerv, als er von einer Welt frei von Krieg und einer Zukunft für die Kinder träumte. So etwas soll und darf an einer Vorfasnachtsveranstaltung Platz haben. Und Huber zeige nicht nur dort, dass er eine echte Bereicherung des Ensembles ist.

Steigerungslauf der «Rääme»

Nach der Pause nahmen dann auch die «Rääme» Fahrt auf. Eine chaotische Cliquen-Fusion gab den Rahmen für das Ensemble, sich in die Herzen des Publikums zu spielen. Dazu explodierte die Spielfreude geradezu in einem sehr stimmungsvollen Rückblick auf die letzten fünf Jahrzehnte Charivari. Da trat ein toll getroffener Sir Francis  (Cyril Giger) wie echt auf – ein grosses Kompliment an die Maskenbilderin. Zu manchem «Schön isch’s gsy» animierte der Auftritt eines Doubles von Frau Aenishänsli (Tim Koechlin), der «Basler Ratte» aus dem legendären «Stärnestaub» und ein zum Schreien komisches Remake des «Dyybli» vulgo Tatjana Pietropaolo und der gewohnt «diskrete» Auftritt einer gewissen Marie-Theres Ruckstuhl (natürlich Stephanie Schluchter).

Und schliesslich hatte auch der zweite Teil seine ruhigere Nummer in Form eines Duetts von Tatjana Pietropaolo und Cyril Giger. Sie beschreiben die relativ strikt geregelte Fasnacht, forderten aber nicht etwa eine Deregulierung, sondern eine Ausweitung des Regelwerks auf die Bummelsonntage – vor allem hinsichtlich der Frage, wann ein solcher Sonntag zu Ende ist. Eine Nummer zum herzhaft schmunzeln.

Dann wurde der Vorhang gelüftet über den gross angekündigten Auftritt von «vier Legenden». Das Geheimnis soll hier nicht gelüftet werden (gehet hin und schauet!), aber es gelang dem Quartett, ein gesamtes Charivari inkl. Clique, Pfeifer- und Trommelsolo, Gugge und Schnitzelbank in fünf Minuten hinzulegen. Das Publikum legte sich vor Lachen nahezu auf den Boden und verabschiedete die vier mit tosendem Applaus.

Musikalische Highlights auch nach der Pause

Übrigens verlor auch die Fasnachtsmusik im zweiten Teil keineswegs an Qualität. Im Gegenteil. Was das Trio Piccolo Piano (Barbara Freiermuth und Annika Kurz-Julliard am Schreiholz, Cédric Vogel am Piano) mit der Verknüpfung von klassischen Motiven mit Abba und Co darboten, war genauso grossartig wie das melodiöse «Brass-Läggerli» der Schäärde mit der Mardi Gras Combo. Das war wirklich fett.

Sehr zu loben ist auch der Riesenharst der Seibi und Seibi Mysli, im ersten Teil mit einem melodiösen Rossignol, nach der Pause mit den nicht minder schönen «Glopfgaischt» und «Ohremyggeli». Schön, dass am Charivari solche traditionellen Märsche gepflegt werden.

Zum Schluss noch ein Wort zu den Schnitzelbänken. MacVäärs verloren sich etwas oft – vor allem im Monstervärs – unter die Gürtellinie, was das Publikum augenscheinlich nicht störte. Sie hatten aber auch manch sonstige gelungene Pointe, etwa über die wohl an der Fasnacht meistgenannte Gemeinde Birsfelden. Die «Gwäägi» überraschten jodelnd – ist ja nun Weltkulturerbe wie die Basler Fasnacht – und ernteten mit ihrem Langvers zum Telefon einer gewissen Bundesrätin mit dem US-Präsidenten in etwa 15 Melodien zu Recht tosenden Applaus.

Alles in allem ein grossartiges Charivari, dass sich musikalisch von A-Z auf höchstem Niveau befindet und im Wort-Bereich einen fulminanten Steigerungslauf hinlegt. Wenn man das Glück hat, ein Ticket zu ergattern, darf man sich freuen – es ist ein Jubiläum zum Geniessen. Das findet auch Basels Regierungspräsident:

Voller Begeisterung zeigten sich auch Comité-Obmann Robi Schärz:

 

und SP-Grossrätin Michela Seggiani: