Basler Fasnacht mit «guten» und anderen Veränderungen

15. April 2026 | Von | Bilder: Nicole Messer | Kategorie: Nachrichten

Zum Thema «War früher alles besser?» diskutierten der frühere, langjährige Comité-Obmann Felix Rudolf von Rohr, Andres Pardey, Fasnächtler bei den «Olympern» und Vize-Direktor des Tinguely-Museums, sowie Céline Berset, Fasnächtlerin im sehr speziellen Schissdräggziigli «Dryybholz». Moderiert wurde das Gespräch von Projektleiterin Jo Vergeat. Dabei ging es vor allem um die Frage, welche Veränderungen die Basler Fasnacht in den Jahren erlebt habe, welche gut und welche eher schädlich waren.

Solche Veranstaltungen seien im übrigen keineswegs Selbstbeweihräucherung oder Selbstzweck, sondern für den Weiterbestand der Basler Fasnacht als Weltkulturerbe notwendig, wie Rudolf von Rohr betonte – und auch hier ist Veränderung wichtig: «Alle vier Jahre kommt die UNESCO vorbei und fragt, wie es der Fasnacht geht und wie sie sich weiterentwickelt hat. Da müssen wir dann auch etwas vorweisen können.»

Verändert hat sich die Basler Fasnacht gerade in jüngerer Zeit massiv, war sich die Gesprächsrunde im Restaurant Sperber einig. Diese fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Dasch Wältkultur», organisiert von fasnacht.digital statt. fasnacht.digital hat sich, unterstützt vom Kanton und vom Bundesamt für Kultur, zum Ziel gesetzt, die Fasnacht als Gesamtheit für die Nachwelt zu erhalten, insbesondere durch Digitalisierung.

Das früher alles besser war, wollte niemand aus der Runde behaupten, im Gegenteil täten die Veränderungen grösstenteils gut, waren sich die Gesprächsteilnehmer einig. Vergeat ging dabei mit der Behauptung «Die Fasnacht muss sich verändern oder sie stirbt» sehr weit. Die anderen der Runde relativierten teilweise.

Felix Rudolf von Rohr fand die aktuelle Entwicklung nicht nur eine gute Sache: «Die Basler Fasnacht ist regelrecht explodiert, sei es hinsichtlich der Aktiven, vor allem aber bei der Zahl der Touristen.» Andres Pardey fand einige Veränderungen gut, aber andere weniger: «Besonders gefällt mir, dass es eine Ausweitung auf drei Tage gegeben hat. Früher wurde der Dienstag kaum bespielt.»

Es gebe aber auch Einengungen, befanden sowohl Pardey wie die Moderatorin: «Der Perimeter der Fasnacht ist massiv enger geworden. In den Aussenquartieren ist die Fasnacht kaum mehr präsent. Alles drängt sich in der Grossbasler Innerstadt.» Dies wusste Pardey mit einem Beispiel zu belegen: «Wir wollten den Morgenstraich mal im Kleinbasel verbringen, was daran scheiterte, dass fast alle Baizen noch geschlossen hatten. Heute drängt sich alles nach dem Motto ‘Schlüssel – Schifflände – Schnabel’ im Bermudadreieck.»

Weder Comité noch Kuttlebutzer bringen Veränderungen

Nicht ganz einig war sich die Runde, in wie weit das Fasnachts-Comité Veränderungen verhindern oder befördern könne. Mit der Vergabe oder Verweigerung von Subventionen könne das Comité doch einiges steuern, meinte Pardey, was der ehemalige Comité-Obmann vehement abstritt: «Der weitaus grösste Teil der Subventionen wird nach Kopfzahl der Aktiven vergeben. Mit einem ‘Muggeseggeli’ der Summe lassen wir allenfalls eine Clique wissen, dass wir etwas nicht so gut oder eben speziell gut gefunden haben.»

Auch einzelne Gruppierungen könnten keine revolutionäre Veränderung auslösen – nicht einmal die berühmten «Kuttlebutzer», entgegnete Pardey, der es als Vertreter des Tinguely-Museums wissen muss, denn Tinguely war ja Mitglied dieser speziellen Clique und mehrfacher künstlerischer Gestalter deren Züge: «Die Kuttlebutzer pflegten ihren revolutionären Gestus sehr dezent, aber alle sollten wissen, wie revolutionär sie doch seien.» Veränderungen fänden als lang dauernde Entwicklung statt, nicht als Einzelaktionen.

Wer regt sich heute überhaupt noch auf?

Es sei schwierig, heute überhaupt noch jemanden mit einer gezielten Provokation oder mit einer ganz anderen Art des Fasnacht-Machens aufzuregen, fand auch Céline Berset. Ihre wilde Gruppe entstand vor zehn Jahren aus einer Gruppe Studenten, die schon von ihrer Herkunft aus dem Aargau oder gar Thurgau die Fasnacht nicht mit der Muttermilch eingesogen hatten: «Wir bewaffneten uns mit Rhythmushölzern und zogen so los. Dazu kamen noch Tambouren. Wir wurden praktisch überall freundlich bis interessiert aufgenommen.»

So fanden weitere Akteure zu ihnen, denen die traditionelle Fasnacht nicht mehr zusagte. Aber auch «Dryybholz» beherzigt gewisse ungeschriebene Regeln: «Den Auswärtigen erklärten wir, dass es hier eben Räppli, Cortège und Larve heisst. Und wir bemühten uns, mit unserer speziellen Musik die ‘normalen’ Cliquen nicht zu stören.»

Drei Eigenheiten sollen bleiben

Gegen Ende kristallisierte sich Einigkeit unter den Gesprächsteilnehmern heraus. Die Basler Fasnacht soll ihre Eigenheiten behalten, geschminkte Gesichter anstatt Larven etwa gingen gar nicht. Vor allem aber müssten drei Eigenheiten zentral sein, wie Felix Rudolf von Rohr zusammenfasste: «Die Fasnacht hält den Mächtigen als Hofnarr den Spiegel vor. Sie stärkt den sozialen Zusammenhalt, denn in den Cliquen treffen sich alle Schichten. Und sie bietet hohe Kunst hinsichtlich Gestaltung, Musik und Wortwitz.»

Dies bestätigte auch die «Alternativfasnächtlerin» Céline Berset: «Auch wir haben den Ehrgeiz, auf unserer speziellen Schiene musikalisch immer besser zu werden. Früher trafen wir uns jeweils ab Januar, jetzt wird ab den Sommerferien geübt.» Wünschen würde sie sich eine weniger starke Trennung von Aktiven und Passiven: «Wer uns am Fasnachtsmontag spontan seine Begeisterung mitteilt, soll möglichst schon am Tag darauf bei uns einstehen können.»

fasnacht.digital kommt voran

Zum Schluss gaben die Vertreter von fasnacht.digital noch die nächsten Schritte in ihrem Programm bekannt. Die technische Infrastruktur für das digitale Archiv stünde kurz vor dem Abschluss. Als Nächstes erschliesse man sich die bestehenden, teilweise digitalisierten Bestände grosser Institutionen wie dem Museum der Kulturen oder dem Staatsarchiv BL, damit sie auf der Plattform durchsuchbar sind.

Ende Sommer ende die Aufbauphase des Projekts Dokumentation Basler Fasnacht. Die Überführung in eine langfristige Betriebslösung sei noch nicht gelöst und finanziert. «Die Plattform fasnacht.digital wird über die Ausbauphase hinaus stetig wachsen und sich weiterentwickeln», erklärte Mitinitiator Alain Grimm.

Gerade die Erfassung der vielen kleineren Vereins- und Privatarchiv benötige viel Zeit und Ressourcen und soll in der Betriebsphase massgebend weitergeführt werden. Und Jo Vergeat erinnerte daran, dass es um das immaterielle Kulturerbe gehe: «Dazu gehören auch Geschichten und eigene Erfahrungen. Wir sind froh um jede Erinnerung und Geschichte, die mit uns geteilt wird.»