Die Krux der «guten» Texte

21. Februar 2022 | Von | Bilder: Beitragsbild: Ivo Birrer | Kategorie: e Hampfle Räppli

Eine Betrachtung vom fasnacht.ch-Redaktor Daniel Thiriet

Ich habe mich schon oft – auch in diesem Medium – über eine offenbar schier unlösbare Aufgabe ausgelassen: Das Texten von Raamestiggli! Und ich komme immer mal wieder zum Schluss, dass es keine Möglichkeit gibt, zuverlässig «gute» Raamestiggli zu texten. Es sei denn, man habe uniformiertes, stets gleich gelauntes Publikum.

Denn dort beginnt das Problem: Sitzen 100 Menschen im Saal, kann man eine Pointe schreiben, die 40 Menschen zum Brüllen finden, 20 finden sie bestenfalls amüsant und 30 Menschen verziehen keinen Mundwinkel. Und 10 plappern sowieso nur nach, was der Nachbar schon gesagt hat. War das jetzt ein guter Text oder nicht?

Beim «Hofnarr» im Drummeli sollte möglichst niemand lachen. Sondern es sollte allen etwas im Halse stecken bleiben. Ja, ist das dann noch guter Text für die 40, die gerne lachen?

Ist es dann der Stil  bzw. das Niveau, das einen Text «gut» macht? «Das Hundeli doo leggt sini Daarmusschaidige in d Rabatte» und «Dä Hund schysst in d Wiise». Das könnte dieselbe Pointe sein. Aber – je nach Publikum – wirkt die eine oder andere besser. So kann ich mir vorstellen, dass im traditionell superfein gedrechselten Prolog des Konzärtlis Version 1 ankommt und in einer andern Vorfasnachtsveranstaltung die Nr. 2. Ist dann der Text besser oder schlechter?

Eine weitere Komponente ist der Zustand oder besser: die Laune des Publikums. Ich habe mit Bänggler gesprochen, die an der Première einer Vorfasnachtsveranstaltung gesungen und sich nachher frustriert gefragt haben, ob sie überhaupt einen ihrer Verse verwenden sollten. Das Premièrenpublikum hat nur «höflich geklatscht». Schon am nächsten Abend war – bei denselben Versen – die Sau am Rasen… Sind nun die Verse «gut» oder nicht?

Beim Lied über den verstorbenen Vater: Der Text ist nicht schlecht, nur weil niemand gelacht hat. Oder weil die Tischnachbarin in Tränen ausgebrochen ist, weil sie gerade eben ihren Vater beerdigt hat. Dort ist es allenfalls die Frage  nach der Notwendigkeit oder der Berechtigung eines solchen Themas. Und das wiederum führt zu den unterschiedlichen Aussagen: «Das het mr nid gfalle» oder «Dasch mr dief ins Härz»…

Und da kommen wir zum nächsten, grossen Einfluss: Die Inszenierung. Nehmen wir als Beispiel das Raamestiggli aus dem Drummeli, wo zwei Männer bei einer Politesse eine Bewilligung für eine Demonstration einholen wollen. Es sei im Moment dahin gestellt, ob der Text «gut» oder «nicht gut» war. Der Drummeli-Regisseur muss eine – auch im Kiechli – riesige Bühne mit drei Personen bespielen, und darf, ausser einem Stehpult und einem Stempel, keinerlei Bühnenmaterial haben, weil nachher sofort wieder eine Clique auf die Bühne muss. Die Protagonisten müssen sich, auf 4 Meter Entfernung, fast anbrüllen und das Stück wächst nicht zueinander. – Dasselbe Stück im Rämpläm, auf der Tabourettli-Bühne, zwischen Schlagzeugen und Klavier inszeniert – es hätte eine ganz andere Wirkung. Der Text, gut oder nicht, wäre aber derselbe.

Die Texter-Teams der Vorfasnachtsveranstaltungen sind also gefordert. Wenn sie eine ihrer Meinung nach «gute Pointe» gefunden haben und sich beim Texten beinahe kaputt lachen, heisst das noch lange nicht, dass das Publikum – oder im schlimmsten Falle die Journalistin an der Première – diese ebenfalls gut findet. Sie müssen viel mehr Vorarbeit leisten. Sie müssen sich bewusst sein, für wen sie schreiben. Und ob sich das Publikum vielleicht sogar verändert, entwickelt hat. Ein nicht einschätzbarer Einfluss hat wohl auch die Fasnachtsabstinenz der letzten Jahre: Will das Publikum gleich die volle Dröhnung oder möchte es langsam wieder an die Festtage herangeführt werden?

Bestätigt werden diese Theorien am aktuellen Beispiel zweier Kolleginnen: Die eine Journalistin findet die Rääme am Drummeli «schwach». Die andere «fantastisch». Ja, waren die Texte nun «gut» oder nicht?