FASNACHTSGOTTESDIENST / Wenn ein Pfarrer in seiner Liturgie auf Züridütsch einem Basler Publikum den tieferen Sinn der Basler Fasnacht erläutert, dann gibt es entweder Mord und Totschlag oder man hört gespannt zu. Bei André Feuz‘ Fasnachtsgottesdienst am Sonntag vor dem Morgestraich war Letzteres der Fall.
Um 10.25 Uhr, fünf Minuten vor Beginn des Gottesdienstes in der Elisabethenkirche, hatte die Frau vom Organisationskomitee endlich Erbarmen. Sie holte nun auch noch die letzten Gartenstühle aus der nahegelegenen Bar und schuf so letzte Sitzgelegenheiten. Dann begann der Gottesdienst und jeder Quadratmeter des grossen Kirchenschiffs war mit Besuchern besetzt.
Was folgte waren 90 Minuten Unterhaltung – etwas, was in einer solch sakralen Umgebung falsch am Platz scheinen könnte. Doch es gelang Pfarrer André Feuz auch ernsthafte Themen anzusprechen, ohne dabei sein Publikum aus den Augen zu verlieren. So wurde die gesellschaftliche Wichtigkeit von Menschenwürde und Solidarität zwar mit Hilfe der biblischen Apostelgeschichte erläutert. Es wurde aber auch dem Publikum einleuchtend erklärt, wie diese Eigenschaften in einer Fasnachtsclique zu tragen kommen. In einer Clique, wo man eben mehr als nur drei Tage im Jahr füreinander da ist und Freundschaften pflegt. Hier zeigte der Zürcher Pfarrer viel Einfühlvermögen in die Basler Brauchtümer.
Musikalisch umrahmt wurde der Gottesdienst auch in diesem Jahr wieder von der Trommelgruppe „Aprico“ sowie einem veritablen Pfeifer-Staraufgebot (Heidy Oppliger, Kurt Stalder, Nicole Stohler, Roger Zähringer, Michèle Zeggari). Beide Gruppen meisterten die akustische Herausforderung einer grossen Kirche mit Bravour. Selbst in den hinteren Reihen waren die Vorträge noch ein Genuss.
Dazu traten die Marble Bags auf, die unter anderen den Gospel „Michael row the boat ashore, Halleluja“ kurzerhand verfasnächtlichten:
„Saag, was spyyrsch, wenns ruesst und dätscht?
S Fasnachtsfieber!
Saag, was styggt, wenn d Gugge schränzt?
S Fasnachtsfieber“
Natürlich durften auch die Schnitzelbängg nicht fehlen. Man zieht vor den „Dootebainli“ bewundernd den Hut, dass sie sich mit solch einem Namen überhaupt in die Kirche wagten. Die Bewunderung stieg weiter, als die ersten Verse fertig gesungen waren: Trotz feiner Harfenbegleitung ging es bitterböse zu und her! So überbrachte man Grüsse von Ghadhafi, der sich begeistert vom Namen „Dootebainli“ zeigte und zusammen mit seiner Armee kurzerhand sein gesamtes Volk zu „Dootebainli“ verarbeitete. Schade, dass diese mutige Dichtkunst vom Publikum nicht allzu sehr goutiert wurde.
Da hatte es der „Fäärimaa“ einfacher. Drummeli-erprobt stammelte er seine Verse ins weite Kirchenschiff hinaus und erntete Pointe für Pointe grosses Gelächter. Besonders auffallend war dies beim Vers, in welchem Bischof Kurt Koch von Basel aus nach Rom geschickt wird, weil man ihn hier nicht recht gebrauchen kann…
Als Highlight zum Schluss trat dann der obligate Überraschungsgast am Fasnachtsgottesdienst auf. Urs Höchle spielte auf der Kirchenorgel Fasnachtsmärsche. Was banal klingt, war in Wahrheit ein Feuerwerk an bekannten Melodien, die jedoch vom Virtuosen so lustvoll zerpflückt wurden, dass man seinen Ohren kaum traute. Da wurde das „Läggerli“ mit dem Hochzeitsmarsch verknüpft und der Sächsilüte-Marsch verwebte sich mit dem Whisky-Soda. Das Publikum dankte es mit einer Standing Ovation und das Fasnachtsfieber der Leute war mit Händen greifbar.
Anders ist es nicht zu erklären, dass die halbe Kirche fasnachtshungrig in Richtung Ausgang drängte und erst durch einen beherzten Mikrofoneinsatz des Pfarrers daran gehindert werden konnte, das Gebäude bereits vor dem Schlusssegen zu verlassen. So viel Ordnung musste dann doch noch sein, bevor das kreative Chaos der Fasnacht die Stadt drei Tage lang in ihren Besitz nimmt.


