Der Cortège hat kaum begonnen, schon dürfen die Comité-Mitglieder am Steinenberg das erste Geburtstagskind begrüssen. Der Barbara-Club kommt daher, der sich im Jubeljahr selbst zum Sujet nimmt und sich sagt «100 Joor kai Fasnacht ohni uns». Der Zug von traditionellen Fasnachtsfiguren in den Barbara-Farben Rot und Grün wirkt durch eben diese Farbintensität und die drei Laternen, die zusammen die Zahl 100 ergeben.
Schon naht die erste Junge Garde, die der Aagfrässene nämlich, welche das bei Binggis und Jungen heuer sehr beliebte Sujet der Technoparty auf dem Rhein grossartig umsetzt. Die Vorträbler sind verschreckte Entchen, die Pfeifer und Trommler Raverbuebe und -meitli in Knallfarben. Ein paar Tambouren mehr wären dem Zug allerdings gut angestanden. (Aber eben, die Nachwuchssorgen…)
Um gleich bei den Spitzenreitern der Sujethitparade zu bleiben: Den Berg herunter naht der Stamm der Sans-Gêne mitsamt Wagen zum Sujet «Air-g-Air». Über das Airline-Debakel kann man sich wohl ärgern, nicht aber über die Pfeifer und Trommler der Stammclique, die in liebevoller Detailarbeit ihre Köpfe mit allerlei Flugzeug verziert haben. Und Sujet-Liebling zum dritten: Die J.B.-Clique Santihans naht, schon von weitem locken auf der Laterne die Reize der Frau unseres Lieblings-Botschafters. Der stattliche Vortrab umringt das Basler Tram in Aktion in Berlin (Requisit), den folgenden Pfeifern ragen riesige Bohrer aus den Nasen. Auch bei den Basler Zepf Ziri steht Shawne Fielding im Mittelpunkt, hier scharwenzelt sie gleich in persona um die Zuschauer und verteilt ihr Konterfei mitsamt Autogramm.
Aus der Theaterstrasse folgt die nächste Jubiläumsclique, die Wettstai. «Schlächt oder rächt – Lueg z erscht emool in Spiegel», mahnt uns die 50-Jährige. Pferde ziehen ein Spiegelkabinett als Requisit voraus, die Pfeifer und Tambouren als Till Eulenspiegel in herrlichen Farben spiegeln einander, der Tambourmajor schliesslich ist ein enormer Weltspiegel.
Noch stärker mit erhobenem Zeigefinger erscheinen die VKB. Als eine der wenigen Gruppierungen thematisieren sie indirekt die Terror-Ereignisse des letzten Jahres. «Waansinn» heisst schlicht ihr Sujet, und das Erscheinungsbild des Stamms ist tatsächlich wahnsinnig. Fast ein Dutzend Requisiten wird vorausgeführt, etwa ein Märchensee und ein «Santiglaus» (heile Welt). Pfeifer und Tambouren (mit schönen Holztrommeln, dem Wetter sei Dank) folgen als düstere Kläuse, auf ihren Köpfen hängen kopfüber Friedenstauben, dazwischen der Tambourmajor als riesiger Unheilsengel. Ein wahrlich imposanter Zug!
Etwas aufmunternder ist die Junge Garde der Rhyschnoogge, die zwar die Welt als dunkel und traurig beschreiben, sich aber sagen «Keep Smiling» und dies mit kreisrunden Smiley-Larven in verschiedenen Farben gleich vormachen. Der Stamm der Märtplatz-Clique erscheint als farblose, nichtsaussagende traditionelle Fasnachtsfiguren. Der Tambourmajor als Frau Fasnacht in den schönsten Farben lässt allerdings Hoffung aufkommen, dass die Fasnacht nicht zu etwas Eingemachtem werden wird (oder geworden ist), wie die Märtplatz-Laterne befürchtet.
Schon folgt das nächste Highlight, «mir luege zue n ys», sagt sich der Stamm der Olympia. Im Klartext heisst das, alle und jeder wird immer überwacht, Schnüffelhunde im Vortrab machen dies bereits klar. Den Pfeifern und Tambouren wachsen ein Dutzend Augen aus dem Kopf, der Tambourmajor hat gar einen Rundum-Blick – ein sehr gelungener Zug.
Plötzlich steigt uns ein merkwürdiger Duft in die Nase – die Alte Garde vom Laiezorn naht, sie haben das Sujet «S isch Hanf was Hairi». Allerdings: So gut die Hanfbauern aussehen, der sie umgebende Duft stammt doch eher von Räucherstäbchen… Auf die Älteren folgen wieder Jüngere, «S Krokodil im Rhy» ist das Sujet, das die Junge Garde der Queerschleeger auspielt. Einige der Krokodile sehen zwar richtig süss aus, hoffen wir dennoch, dass das Ganze nur ein Fasnachtssujet bleibt.
Der Nachmittag, respektive der Cortège, schreitet voran, doch noch sind längst nicht alle Trümpfe ausgespielt, es wird nämlich tierisch. Die Spale-Clique marschiert zum 75-Jahre-Jubiläum in corpore, ihr Sujet: «Mir hänn e Vogel». Es ist eine regelrechte Vogel-Invasion, ein nicht enden wollender Zug sogenannter «Root-Schnäbel», rabenschwarze (und wunderschöne) Vögel mit, nun ja, roten Schnäbeln und gelbe und rote Socken als einzige Farbtupfer. Voraus geht ein enormer Vortrab, ein richtiger kleiner Vogel-Wald, Gekrächze ab Tonband inklusive, auch eine Chaise gehört zum Spale-Zug (Bebbi Gläbbere) – ein grossartiger Auftritt zum Jubiläum!
Und schliesslich noch ein äusserst gelungener Tierzug: «Sinn mir Basler nur no d Affe?» fragt sich der Stamm der Schnurebegge. Sie sind es auf jeden Fall – und was für welche… Gross, schwarz und «gfürchig», mit Armen bis zu den Knöcheln. Zu beneiden sind die Affen um ihr Kostüm, sie dürften nicht gefroren haben… Begleitet wird der tobende Affentross von einem imposanten Wagen, der gegen das Publikum offen ist, dem Comité allerdings für einmal in Form einer riesigen Wand die kalte Schulter zeigt.


