Charivari 2024: Ein gelungener Blick zurück und eine schauspielerische Neuentdeckung

20. Januar 2024 | Von | Bilder: Nicole Messer | Kategorie: Nachrichten

Wie andere Vorfasnachtsveranstaltungen wagt auch das Charivari einen Blick zurück – und die nostalgischen Elemente überzeugen wie die meisten Wort-Nummern. Die fasnächtliche Musik ist ohnehin wie gewohnt top, so dass man ohne Übertreibung von einem sehr guten Jahrgang sprechen darf. Dazu bei trägt eine echte Überraschung: Die Trommel-Koryphäre Ivan Kym entpuppt sich als schauspielerisches Naturtalent, das dem – ebenfalls grandiosen – Ensemble echte Konkurrenz macht.

Nostalgisch kommt schon der Prolog daher, in dem die Frage gestellt wird, ob denn früher alles besser war. Nicht alles, lautet die Antwort, aber einiges schon. Nicht überraschend genannt werden  dabei der FCB oder die Baizen-Vielfalt. Das Ensemble mit Stephanie Schluchter, Tatjana Pietropaolo, Olivia Zimmerli, Beatrice «Struppi» Waldis und Tim Koechlin sowie neu Cyril Giger brilliert mit spitzen Pointen und zum Nachdenken anregenden Versen.

Nach einer souveränen Darbietung der Naarebaschi brilliert aber jemand anders im schauspielerischen Bereich, von dem man das nicht unbedingt erwartet hätte. Der in der Fasnachtsszene zwischen Basel und Möhlin-Riburg bestens als Trommel-Guru bekannte Ivan Kym lässt die Trommelschlegel im Sack und hält stattdessen einen Monolog, in dem er sich erst selbst über den grünen Klee lobt und dann (köstlich!) die einzelnen Tambouren-Typologien analysiert. Hier wurde spät ein Naturtalent entdeckt!

Dann folgt wieder etwas Nostalgie, in dem die Charivari-«Rock Band» mit den Spitzbuebe ein sehr gelungenes Meadley aus Bond-Melodien mit Fasnachtsmärschen verknüpft (später dann auch mit den Schäärede im „Buglar’s Holiday). Schade ist hier nur, dass der Abbau danach jeweils ungebührlich viel Zeit in Anspruch nimmt und dadurch ziemlich Unruhe im Publikum entsteht. Eine Überbrückungsnummer vor dem Vorhang hätte hier gut getan.

Apropos Nummern: Hier gibt es einige Perlen auf der diesjährigen Charivari-Bühne. Tatjana Pietropaolo (mit Anklängen an die legendäre «Dyybli»-Nummer) und Steffi Schluchter treiben einem als Garderobieren die Lachtränen in die Augen. Und das ganze Ensemble feiert am Clara-Boulevard eine herrliche Hymne auf der (Bau-)Loch.

Im zweiten Teil traut sich das Charivari etwas. Ein «Raame» wird erst normal gespielt und dann als Persiflage in der Art der diversen «Vorfasnachts-Konkurrenz». Das könnte als arrogant aufgefasst und heikel werden, aber die Figuren (Tim Koechlin als Häbse oder Cyril Giger als Almi) sind so deftig überzeichnet und die Rämpläm-Version nahezu eine Hommage, dass man einfach nur schmunzeln kann. Und man findet gerade rechtzeitig den Rank mit der Aufforderung, die einzelnen Vorfasnachtsveranstaltungen nicht gegeneinander auszuspielen. Dazu gibt es noch einen ordentlichen Schienbeintritt an die BaZ wegen ihrer Fasnachts-Ranglisten.

Auch die bisher noch nicht speziell erwähnten Ensemble-Mitglieder verdienen ein Sonderlob. Super chargiert Olivia Zimmerli in einer sehr speziellen Hyylgschicht und bei «Struppi» muss man sich kopfschüttelnd fragen, warum man diese Perle lange nur mit Mini-Auftritten auf die Bühne gelassen hat. Allein ihre Darstellung als Herzblatt-Moderatorin (ja, wieder Nostalgie) ist zum Schreien komisch.

Und Nostalgie zum Letzten: Rund 9000 Tage nach ihrem letzten Auftritt auf der Charivari-Bühne feiern «d’Uffegumperli» ein Comeback. Die Show mit den live gezeichneten Helgen ist immer noch ein Riesenspass und auch die Sprüche während der «Mal-Zeit» machen Freude. Die Verse sind aber irgendwie aus der Zeit gefallen. Mein Tischnachbar meinte, er habe ein ähnliches Gefühl wie beim Betrachten alter TV-Serien: Alles etwas langsamer und gemächlicher, aber doch irgendwie schön.

D Gwäägi als zweiter Bangg bilden den Kontrapunkt: Topaktuelle Pointen, die bis zu den letzten Worten eines Verses gut versteckt werden. Absolutes Highlight die Verknüpfung von Mustafa Atici und Murat Yakin im gleichen Vers – Weltklasse, mehr sei nicht verraten. Verraten werden soll aber, dass die Guggemuusig Räpplischpalter den ersten Teil schön schränzend beschliesst und Maurice Weiss gegen Schluss Sensationelles aus diversen Trommeln herausholt.

Okay, etwas ungewöhnlich schliesst diese Premierenkritik, nämlich mit einem Satz aus dem Prolog, in dem konstatiert wird, dass zumindest in Sachen Fasnacht früher nicht alles besser war – und überhaupt: Isch die ganzi Wält au am A…, mir sage «Die Alte, Vorwärts Marsch!»

Charivari 2024: 20. Januar bis 3. Februar im Volkshaus. Vorstellungsbeginn ist jeweils 20.00 Uhr, sonntags um 18.00 Uhr und am Samstag, 27.1.2024, um 14.00 und 20.00 Uhr. Es hat noch einige wenige  Tickets, die Preise liegen zwischen CHF 49.- und 76.-.