Drummeli 2015 (1. Teil): Teilweise übertriebene Originalität

8. Februar 2015 | Von | Bilder: Dennis L. Rhein | Kategorie: Nachrichten, Top-Thema

Wie immer präsentiert sich das Drummeli als grosse Leistungsschau der Cliquen. Und spätestens seit dem Umzug ins Musical Theater werden die Darbietungen immer origineller. Dieses Mal jedoch teilweise bemüht originell. Eine etwas grosse Streubreite findet man bei den Rahmestiggli. Und absoluter Höhepunkt des ersten Teils ist dr Heiri.

Das musikalische Eis brechen die Schnurebegge, die sich Verstärkung bei der Musikgesellschaft Konkordia aus Reinach geholt haben. Ein Rossignol mit Geigen, Pauken und Trompeten – Revolution oder gar Skandal? Keineswegs, schon Ende des 18. Jahrhunderts konzertierte ein grosser Fasnachtsumzug auf dem Münsterplatz in dieser Besetzung. Nach anfänglichen Abstimmungsschwierigkeiten gestaltete sich der Drummeli-Auftakt als harmonisches Erlebnis.

Die traditionelle Trommel- und Pfeiferschule war früher am Drummeli halt wirklich nur „traditionell“, im besten Fall „härzig“, im schlechtesten schlicht langweilig. Auch das hat sich geändert: Die Junge Garde der Seibi nehmen uns mit auf ein „Schwyzrreisli“ mit neun Schweizer Melodien und Volksliedern – bis hin zum Sechseläutenmarsch.

Nicht nur auf der Textseite will man sozialkritisch sein – auch mit Trommel und Piccolo: Die J.B-Clique Santihans beweist dies, indem sie allen Beteiligten eine „Daagwach“ ruesst, um auf die Unzulänglichkeiten der Globalisierung hinzuweisen. Um dies aber zu realisieren, ist ein genaues Studium des Programmheftes nötig. Ansonsten sieht man brave Pfeifer in Schweizer-Kostümen flankiert und attackiert von finsteren EU- und US-Tambouren und ein sich verdunkelndes Matterhorn – also eher ein SVP-Szenarium.

Drummeli 2015

Drummeli 2015

Drummeli 2015

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Drummeli 2015

Dann gab es mal – die Älteren werden sich erinnern, bei einem deutschen Privatsender eine Sendung namens „Tutti Frutti“. Die Spielregeln begriff nicht einmal der Moderator, aber die teilnehmenden Damen waren ausnahmslos fesch. So auch bei den Glunggi, die den gleichnamigen Marsch intonieren und – zwar jugendfrei – auch entsprechend als „Früchtchen“ auf den Larven gekennzeichnet sind. Besonders gefallen hat die süss-reife Ananas mit der zweiten Stimme in der ersten Reihe… der Auftritt war aber gesamthaft sehr melodiös und gleichzeitig schmissig.

Dann wird es richtig baslerisch, und erst noch mit einer Uraufführung. Ramona Zimmerli verfasste als Maturarbeit den Pfeifertext des „Mässmogge“, den Trommeltext lieferte mit Ivan Kym eine lokale Grösse. Mit den Junteressli zieht dieser Marsch als süss-verlockender Duft der Herbstmesse durch die Reihen des Musical-Theaters, eingeleitet durch das „Martinsglöggli“ der unvergessenen Basler Elstern.

„Morgenstimmung in freier Natur“ titeln die Wettstai im Programmheft ihre Motivation, die „Route-Symphonie“ auf die Bühne zu bringen. Auch hier braucht es den vertieften Blick ins Programmheft, soll es doch um das leidige Cortège-Phänomen gehen: Stau wie am Gotthard zur Osterzeit. Der Betrachter ohne vorherige Lektüre sieht ein Volk von Tannen musizieren und amüsiert sich über vorbeiflanierende Nacktwanderer.

Wenn alle am Drummeli aufrüsten, will sich sicher auch irgendjemand diesem Trend nicht beugen. Und wer könnte dies anders sein als die Alti Richtig, die sich der „Crème de la Crème der Basler Fasnachtsmärsche“ bewusst verweigert und stattdessen mit einem „Arabi“ auftritt. Laut dem auf der Leinwand dahinter abgebildeten, sehr launischen und selbstironischen Chat war das Fasnachts-Comité für die Marsch-Wahl verantwortlich, verbunden mit der Bitte, die ARI solle doch wenigstens versuchen, möglichst grobe Fehler zu vermeiden.

Dann wird es aber wieder richtig show-mässig. Uniformierte Tänzerinnen schleudern ihre Beine durch die Luft, während die Spezi das „Medley 2.0“ von The Marching Band intoniert. Diese Mischung aus alten französischen und amerikanischen Märschen habe man in einem Ordner gefunden, der dreissig Jahre Staub angesetzt habe und nun wiederbelebt wurde. Es hat sich gelohnt

Ebenfalls in der Vergangenheit gewühlt haben die Rhygwäggi, und dort mit dem „Marche des Parachutistes Belges“ ein Stück belgischer Musikgeschichte aus dem 2. Weltkrieg wiederbelebt. Die fröhliche Melodie lässt den alles andere als fröhlichen Hintergrund vergessen: Der Marsch wurde zu Ehren der belgischen Fallschirmjäger, der Truppe mit einer der höchsten Gefallenenzahlen, geschrieben. Ein rassiger Auftritt im Vierfruchtpijama, untermalt von netten Gags per Beamer

Und nochmals Sozialkritik per Piccolo und Trommel: Die Spale-Clique 1927 intoniert, inspiriert vom amerikanischen Fotografen Spencer Tunick (das ist der, der jeweils Massen von nackten Menschen ablichtet) „Sambre et Meuse“, dass heisst: hier eher „Pimmel und Mösen“, denn die ganze Clique spielt in Bodysuits mit aufgesetzten primären Geschlechtsmerkmalen. Auch in diesem Fall liefert nur der Blick ins Programmheft eine Deutung: Wenn alle nackt wären, so gäbe es keine Hierarchien und alles wäre gut… Persönliche Meinung: Schlicht dégoutant!

Zum Glück kann man sich gleich anschliessend beim absoluten Highlight des ersten Teils erholen. In vollem Ornat, respektive Älpler-Kluft erscheint Dr Heiri als Schnitzelbänggler. Er feiert sein 10jähriges Jubiläum – und dies glorios. Von einer bauchmuskelzerrenden Erklärung des FCB-Rotationsprinzips bis zum Bekenntnis, warum er nicht für die Fusion stimmen konnte – einfach riesig!

Mich laust der Affe, könnte man beim nächsten Auftritt bedenkenlos sagen, denn als behaarte Primaten treten die Rhyschnoogge an mit einem super performten „Hofnaar“, der zum „Planet der Affen“ wird. Hier stimmt alles vom Optischen bis zum Musikalischen.

Optisch als Heino-Verschnitt, musikalisch aber als Nena schliesst die Schotte Clique 1947  vor der Pause mit dem Arrangement „Leuchtturm“. Wobei dies nichts mit dem Leuchtturm-„Projekt“ am Hafen zu tun haben soll – das wäre eher etwas für die Lufthyyler-Waggis gewesen…

Zum Wortteil: Hier gibt es enorme Schwankungen in der Qualität. Manchmal sind diese Schwankungen sogar innerhalb eines einzigen „Rahme“ auszumachen, exemplarisch in demjenigen mit FIFA- und Fussball-Thematik. Einer grandiosen Blatter-Persiflage von Pharaonen-Thron folgt völlig unnötig eine Verlängerung, in der dem Nachwuchs beigebracht wird, was im Fussball heute wichtig ist: Foulen, reklamieren und Schwalben produzieren. Dieser Nachwuchs, eine Tanzgruppe aus Liestal, bringt dann noch eine wirklich schöne Choreographie auf die Bühne, die aber nicht mehr enden will.

Toll dafür die Einlage zur gescheiterten Fusion mit einer umwerfenden Susanne Hueber als Königin der Rammel. Und auch der rote Faden mit Kurz-Szenen von einem verzweifelt eine Frau suchenden Blind-Dater – urkomisch Daniel Buser – kommt zu Recht gut an. Ziemlich pointenfrei ist dafür ein Abgesang auf die Hasenburg.

Fazit bis zur Pause: Ein Drummeli mit vielen Höhen, aber auch einigen Tiefen. Und den Cliquen, die das falsch verstanden haben, sei ins Stammbuch geschrieben: Ein Auftritt sollte so konzipiert sein, dass man die Intention auch versteht, wenn man sich nicht vorher ins Programmheft vertieft hat.

Der zweite Teil folgt sogleich – bleiben Sie dran! (Zitat aus Telebasel, so tönt Zürich)

Mehr Bilder von der Premiere gibt es in der Drummeli 2015 Galerie.