SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017: Die Opti-Mischte an der Prager Fasnacht

23. November 2017 | Von | Kategorie: Nachrichten, Top-Thema

Eine Gruppe von 17 hartgesottenen Opti-Mischte hatte sich dazu entschieden, als erste Vertreter einer Basler Stammclique an der Prager Fasnacht teilzunehmen. Ohne genau zu wissen, was sie erwartete. Eingeladen wurde sie von Olga Cieslarová, sozusagen der Begründerin der Prager Fasnacht nach Basler Vorbild. Der Besuch erfolgte quasi als Gegenbesuch. Die Prager «Schluuchgugge», nahm 2017 an der Basler Fasnacht teil und bat dort das Basler Fasnachtscomité mit einem Augenzwinkern um Entwicklungshilfe.

Text: Lars Müller, Tambourmajor der Opti-Mischte, Fotos: Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

Die Prager Fasnacht lässt sich nur bedingt mit derjenigen von Basel vergleichen, obwohl sie sich diese zum Vorbild genommen hat. Aber im Kern geht es um dasselbe: Ein friedliches Fest mit Umzug, an dem auf satirische und humorvolle Art und Weise die Missstände in Gesellschaft und Politik angeprangert werden. Mit Larven, die nach Basler Vorbild kreiert und produziert werden, mit Requisiten und Musik. Nur, dass es sich bei den ca. 15 Cliquen nicht um reine Fasnachtsvereine sondern um Bürgerinitiativen, Wohltätigkeitsvereine, NGO’s wie Greenpeace und WWF, politische Studentengruppen aber auch Schulklassen handelt. Sie alle präsentieren hier ihre Anliegen so, wie wir es an der Basler Fasnacht mit unseren Sujets machen.

Auf dem Platz der Republik startete um ein Uhr Nachmittags der «Cortège», die einzelnen Gruppen und ihre Sujets wurden vorher vorgestellt. Der Umzug begann, die Opti-Mischte an dessen Spitze. Vor ihnen nur noch Polizisten, die einen gar nicht so üblen Vortrab abgaben. Sie konnten zwar nicht im Schritt marschieren, waren aber bestens organisiert, richteten sich nach der Clique aus und schafften Platz. Dies war oft auch nötig, weil die Strassen an diesem Tag nicht nur mit Touristen sondern auch mit vielen Einheimischen bevölkert sind, die wie jedes Jahr den 17. November, den Tag der Freiheit begehen.

Am 17. November 1989 fand nämlich in Prag eine Studentendemonstration statt, die von den Polizeikräften brutal niedergeknüppelt wurde. Dies löste Massendemonstrationen aus und führte zur sogenannten «Samtenen Revolution» in der damaligen Tschechoslowakei. Weitgehend gewaltlos wurde das realsozialistische Regime nach jahrzehntelanger Diktatur von einer zivilgesellschaftlichen, demokratischen Regierung abgelöst. Der 17.11. birgt in der Tschechischen Republik daher eine gewisse Sprengkraft. Er wurde bis vor wenigen Jahren einerseits nur mit Demonstrationen begangen, die nicht selten gewalttätige Ausschreitungen mit sich brachten und andererseits mit pathetischem Kerzenanzünden, bei dem sich heuchlerische Politiker in Szene setzen.

Das politische Klima in Tschechien ist kalt geworden. Die Freiheitseuphorie der Neunziger Jahre ist verflogen, an der Macht ist heute ein Trump-mässiger Präsident, der sich besonders volksnah gibt, es aber insbesondere der Russischen Regierung recht machen möchte und selbst in Korruptionsskandale verwickelt ist. Bedrückend, dass die Tschechen ihn selbst gewählt haben. Dass sich die Tschechische Republik politisch nicht in die gleiche Richtung bewegt wie Polen oder Ungarn, wo Presse- und Meinungsfreiheit eingeschränkt sind und Minderheiten ausgegrenzt werden, ist sehr zu hoffen.

Auch deswegen ist die Prager Fasnacht (es gibt sie erst seit sechs Jahren, sie nennt sich «Samtenes Fest») für die aktiven Fasnächtler dort so wichtig. Sie setzen an diesem Nationalen Gedenktag damit einen Gegenpunkt zu den sonst üblichen Anlässen. Diese Fasnacht wird begriffen als Ausdruck eines freien, kreativen und demokratischen Bürgersinns. Vor weniger als 30 Jahren wäre man hier für sowas noch verhaftet worden.

SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017

© Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017

© Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017

© Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017

© Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017

© Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017

© Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017

© Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017

© Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

SAMETOVÉ POSVÍCENÍ 2017

© Jan Hromadko (www.janhromadko.com)

Wie gesagt: Vor den Opti-Mischte die Polizei. Und hinter ihnen ein grosses Requisit, ein «Pindolino»-Zug, getragen von 5 Personen. Das war es jedenfalls auf den ersten Blick. Auf den zweiten erschien das Teil als überdimensionaler Penis. Ein Hodensack hüpfte nämlich autonom hinterher. Das Sujet thematisierte aggressive sexuelle Übergriffe. Auch ein anderes Sujet präsentierte ein überdimensionales Geschlechtsteil: Eine riesige Vagina, die immer wieder von neuem aufgeschnitten und dann wieder zusammengenäht wurde, wies auf die unnötigen, schmerzhaften Dammschnitte hin, die immer häufiger praktiziert werden, um die Geburtsdauer zu verkürzen (und wohl um Kosten zu verkleinern). Andere Sujets waren ebenfalls hervorragend umgesetzt. Zum Beispiel der Minister, der seine Abrissbirne gegen schützenswerte Bauten dirigiert. Oder die lustigen, sorglosen Ärzte und Eltern, welche ihre Kinder gegen alles und jedes impfen und sie begeistert durch die Medizinmaschine jagen. Oder die Insel aus Plastik, umgeben vom Plastikmüll. Oder die Kinder mit ihren Fuchslarven, bei denen es um den Tierschutz ging. Oder die weissen Schachfiguren, die keine schwarzen mehr auf ihr Schachbrett liessen. Oder der Umgang der Regierung mit der Obdachlosigkeit. Die Prager «Schluuchgugge» (oder Schlauchband) mit ihren wunderschönen Entenlarven und eine riesige Ente aus Zeitungspapier brachten das Fake- News-Sujet der diesjährigen Prager Fasnacht auf den Punkt: «TOTO NENÍ KACHNA» – «Es ist keine Ente».

Der Cortège ging im Blitzlichtgewitter über die historische Karlsbrücke zur Insel Kampa, auf der sich beim «Degustationskomité» die einzelnen Cliquen noch einmal gegenseitig vorstellten. Weiter zum Wenzelsplatz, wo der «Zugchef» von der Polizei kurzerhand die Route umleitete, um die allergrössten Menschenmassen, die sich direkt vor einer grossen Redner- und Konzertbühne befanden, zu umgehen. War nicht so geplant. Olga wollte eigentlich auf der Bühne den vorbeiziehenden Zug dem Publikum vorstellen. So hatten die Cliquen halt Pause, während Olga ihre Rede ohne das Beisein der Fasnächtler hielt.

Zurück ging es zum Platz der Republik wo als Schlusspunkt nach einer Feuershow eine weitere grosse Ente verbrannt wurde. Beziehungsweise das, was noch davon übrig war, da der Regen die drei Meter grosse Bastelarbeit während des Tages fast vollständig zerstört hatte. Natürlich kam die Idee auf, die vorher erwähnte Zeitungsente vom Cortège stattdessen in Flammen aufgehen zu lassen aber die Schulkinder, die das Ding gebaut hatten, hatten etwas dagegen. Der Feuer-Abschluss war trotzdem wunderbar stimmungsvoll.

Es waren eindrückliche Tage. Die Opti-Mischte durften Prag nicht nur als Touristen sondern als «Kumpanen» erleben und Teil einer blutjungen und engagierten Fasnachtskultur werden.