Was macht eigentlich das Comité im Sommer? (VI): Der Obmaa und das Weltkulturerbe

14. August 2017 | Von | Kategorie: Nachrichten, Top-Thema

Mit einem Beitrag mit und über den Obmann des Fasnachts-Comités beschliessen wir unsere Sommer-Serie. Den „Obmaa“ müsste man in diesen Tagen eher „Aussenminister“ nennen, denn in erster Linie ist er damit beschäftigt, die finalen Bemühungen aufzugleisen, die Basler Fasnacht auch weltweit auf den Platz zu hieven, den sie in des Bebbis Augen sowieso verdient hat: in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.

Das letzte in der Reihen der Comité-Gespräche findet dort statt, wo während den Fasnachtstagen die Hauptschlagader des Fasnachtstreibens durchfliesst: Vor dem Hotel Basel, mitten in der Stadt. Sonntag Morgen um 11 Uhr – ganz wenige Menschen sind sichtbar. Die baselabtrünnige Hoteldirektorin Yvette mit ihrem Mann haben ein Wochenende in Basel verbracht und setzen sich zum Apéro vors Hotel. Und dann kommt der Comité-Obmaa daher. Sportlich, mit Velohelm und kurzen Hosen. Direkt aus den Ferien. Christoph Bürgin ist der Dienstälteste im Basler-Fasnachts-Comité. Seit 1999 ist er dabei und seit 2010 als Obmaa.

Meine erste Frage an ihn ist klar. Was macht eigentlich der Obmaa im Sommer? Die anfallende Arbeit wird ja durch seine «Abteilungsleiter» erledigt? «Grundsätzlich stimmt das», so Bürgin, «meine Kolleginnen und Kollegen am Blumenrain sind hervorragend. Unser Team stimmt und die Arbeit wird zuverlässig gemacht, das habt ihr ja aus den Gesprächen gelernt».

Aber trotzdem werden Aufgaben für den Obmaa übrigbleiben? «Oh ja, natürlich, da ist zuerst die Vorbereitung des UNESCO-Anlasses im Dezember». Basel hat seine Fasnacht bei der UNESCO angemeldet, mit dem Ziel, als Weltkulturerbe anerkannt zu werden. «Seit 2011 , wo dieser Begriff das erste Mal erwähnt wurde, arbeiten wir an diesem Ziel. Es ist der grosse Verdienst von Felix Rudolf von Rohr, dass das Projekt so weit gediehen ist. Intensiviert wurde die Arbeit in den letzten zwei Jahren mit dem konkreten Bewerbungsdossier, mit der Petition und dem Film von Beat Manetsch». Man spürt die Leidenschaft von Christoph Bürgin, mit welcher er dieses Ziel verfolgt hat. Und nun soll es im Dezember nach dem Entscheid der UNESCO einen Anlass geben. «Falls im Oktober die Ampel auf Grün gestellt wird, ist die Chance, dass wir nicht aufgenommen werden, realistisch gesehen sehr, sehr klein. Dann werden wir feiern. Aber nicht mit einem elitären Kreis im Hinterzimmer des Rathauses. Nein, wir hatten so viel Unterstützung durch die aktiven Fasnächtler, die Unterschriften gesammelt und Briefe an die UNESCO formuliert hatten – die sollen dabei sein. Und wenn der Super-Gau eintrifft und wir würden von der UNESCO übergangen, dann wird das halt zum Dankesanlass!» Christoph Bürgin und das Comité glauben daran. Was bringt es denn der Basler Fasnacht und ihren Aktiven, wenn sie plötzlich zum UNESCO-Kulturerbe gehören? Christoph Bürgin schlägt einen sehr seriösen Ton an. «Wenn die Fasnacht zum Weltkulturerbe wird, dann muss auch das Bewusstsein dafür wachsen, dass alles, was wir für die Fasnacht machen, ein Stück dieser Kultur ist. Und wenn wir damit aufhören oder aufhören müssen, dann ist auch diese Kultur und somit das Kulturerbe für die nächste Generation in Gefahr.»

Christoph Bürgin

Der Obmaa spricht …

Christoph Bürgin

… und hört zu!

 

Als Beispiel spricht er eines seiner Sorgenkinder an: die Raumnutzung. Er weiss – aus eigener Erfahrung – dass die meisten Fasnachtseinheiten auf billigen Raum angewiesen sind, um Larven zu kaschieren, Wägen zu bauen, Ladäärne zu malen, Trommeln und Pfeifen zu üben. «Das geht nur, wenn die Stadtverwaltung oder auch das private Gewerbe solche Räumlichkeiten billig und auch als Zwischennutzung zur Verfügung stellen. Stell Dir vor, dieses Bewusstsein würde eines Tages verloren gehen. Zum Beispiel aufgrund vom Kosten- oder Gewinndenken und die Aktiven müssten Marktpreise bezahlen! Dann würde ein Waggiswagen unbezahlbar und eine kaschierte Larve würde mehrere Tausend Franken kosten. Unvorstellbar!» Der Obmaa ist überzeugt, dass die Ernennung zum Weltkulturerbe einen Schutzmantel über alles legen könnte, was für den Basler Anlass geleistet wird. Beispiel Zusammenarbeit mit der Verwaltung, die im Moment ausserordentlich gut funktioniert. Aber: «Wenn plötzlich jedes abgebaute oder frisch aufgestellte Verkehrsschild im Zusammenhang mit der Fasnacht berechnet wird, oder dem Comité für den Cortège eine Rechnung gestellt wird, dann ist die Fasnacht, so wie sie heute besteht, tot. Der Titel «Weltkulturerbe» kann uns und die Fasnacht vor diesem Horrorszenario schützen!» ist Christoph Bürgin überzeugt.

Und was gibt’s für den Obmaa sonst noch zu tun im Sommer? «Ich habe etwas über 40 Mails auf dem Rechner. Einladungen, Anfragen, Versicherungsfragen. Vieles davon kann er seinem Team abgeben. Apropos Team: Hat das Comité Nachwuchssorgen? «Also die Zahl der Absagen von angefragten Personen ist grösser geworden. Wir arbeiten viel und alles ehrenamtlich. Im Moment sind wir 13 Mitglieder. Gemäss Statuten können wir 15 sein und wir überlegen, ob wir noch jemanden dazu holen können».

Was ist Christoph Bürgins nächste Pendenz? «Das Drummeli. An der kommenden Präsidentenkonferenz – die wir im Sommer vorbereiten – müssen wir einmal mehr den Cliquen ins Gewissen reden: Nur ein ausverkauftes Drummeli bringt Geld für den Subventionstopf! Und die Tickets verkaufen wir über die Cliquen. Es kann nicht sein, dass es Stammcliquen gibt, die kein einziges Drummelibilljé kaufen! Diese Produktion steht und fällt mit den Aktiven!».

Ich frage den Obmaa noch nach seinen Aufgaben, die er mag und nach denen, die er eher nicht mag! «Es belastet mich jedes Mal, wenn ich mit den Medien über kritische Themen, die wir oft gar nicht beeinflussen können, sprechen muss». Er nennt die Beispiele wenn es um Sicherheitsfragen geht – zum Beispiel nach den Terroranschlägen – oder um politische Fragen wie jene mit Erdogan oder der Frage um die Bedrohung nach dem Sujet «Mohamed». Sowas mag Bürgin eher weniger.

Wenn wir auf seine positiven Erfahrungen zu sprechen kommen, dann ist die Antwort klar: «Die Zusammenarbeit und die Kommunikation mit den Aktiven ist heute hervorragend! Wenn wir am Cortège stehen und ein Waggis – keine Ahnung wer unter der Larve ist – bringt mir einen Maije und bedankt sich dafür, was das Comité alles macht, dann ist das doch der Hammer!». Weiter erzählt er von dem Moment am letzten Fasnachtsmontag, wo es geregnet hat und sich alle gefragt haben, weshalb man sich das antut. «Und trotzdem findet der Cortège statt. Das ist doch sehr speziell und zeigt die Leidenschaft der Aktiven!».

Einer seiner allerschönster Momente, und einer der spannendsten in seinem Fasnachtsleben, ist die Blaggedde-Vernissage. « Da zeigt sich,  wie die Blaggedde bei den Aktiven ankommt! Und um an diesem Tag zwischen Weihnachten und Neujahr die Blaggedde präsentieren zu können – an einem Anlass, wo sich 500 anmelden und 1000 kommen… – dafür arbeiten wir den Sommer durch.» Das ist eigentlich eine hervorragende Zusammenfassung aller Gespräche mit den Comité-Leuten. Dabei belassen wir es!

 

Schlusswort in eigener Sache

Alle Gespräche mit den Comité-Abteilungsleitern (und der -in…) und deren Chef haben in einer sehr guten und offenen Atmosphäre stattgefunden. Man hat gut gemerkt, dass im Leben dieser Menschen die Fasnacht – oder gar das Wohl der Fasnächtler – ganz oben steht, oft an erster Stelle ausserhalb des Berufes. Das Comité und dessen Mitglieder (auch jene, die nicht in dieser Serie erwähnt wurden), arbeiten ganz selbstverständlich und ehrenamtlich für die Basler Fasnacht. Ihr Lohn ist, wenn die Aktiven eine gute Fasnachtszeit erleben können. Mit Drummeli, Blaggedde, Cortège und allem, was dazu gehört. Dafür arbeiten sie das ganze Jahr hindurch. Und darauf darf man dann im Kreise der Clique schon irgendeinmal anstossen.

Ich möchte mich auch bei Redaktionskollege André bedanken,  der in meiner Ferienabwesenheit meine Berichte zu einer Sommerserie gebraten  und das Aufschalten und Bebildern übernommen hat.