Drummeli 2012: Es „uraufführt“ sehr im Trockeneisnebel

11. Februar 2012 | Von | Bilder: Dennis L. Rhein | Kategorie: Nachrichten, Top-Thema

Die diesjährige Ausgabe des Drummeli glänzt mit sehr viel Phantasie, sowohl im musikalischen wie auch im Text-Bereich. Die – oft so genannte – Leistungsschau der Stammcliquen bietet speziell dieses Jahr eine Fülle von Uraufführungen und auch sonst gelungene Auftritten, die gleichermassen durch den musikalischen Vortrag wie durch die dazu passende Choreographie und das abgestimmte Bühnenbild glänzen. Die „Rääme“ sind fast durchgehend stimmig. Abgerundet wird das Ganze durch die Schnitzelbänke „Schwoobekäfer“ und „Singvogel“. Schade, dass das Publikum mit sehr extensivem Gebrauch von Trockeneis gefoltert wird

Dass die Zeit vorbei ist, in der eine Clique im Charivari auf der Drummelibühne steht und den Ehrgeiz darauf beschränkt, einen traditionellen Marsch sauber zu intonieren, zeigen schon „Seibi & Seibi Mysli“ als Startformation mit ihrem „Hanswurst“. Der von René Brielmann und Danny Wehrmüller (der Charivari-Regisseur hat anscheinend noch freie Kapazitäten) komponierte Marsch wird mit einem Brueghel-Bild zu einem mittelalterlichen Kaleidoskop verwoben – und setzt die Latte von Beginn weg hoch.

Drummeli Leidstell

Drummeli Leidstell

Seibi

Pfluderi Clique

Jungi Lälli 1912

Die Aagfrässene

Rahme- Plätzli gsuecht!

Barbara Club

Schwoobekäfer

Olympia

Märtplatz-Clique

Rahmen-Kasperli und dr Sturm uffs Stöckli

Messingkäfer Guggemuusig

Central Club Basel

Rätz-Clique

Balkonszene

Balkonszene

Balkonszene

Dupf-Club Basel

Dupf-Club Basel

Zwischenspiel

Naarebaschi-Clique

Naarebaschi-Clique

Rahme- Papperlapapp oder die alti Fasnacht kunnt

Rahme- Papperlapapp oder die alti Fasnacht kunnt

Rahme- Papperlapapp oder die alti Fasnacht kunnt

Basler Bebbi

Opti-Mischte

Singvogel

Grunz Gaischter Guggemuusig

Rahme s Comité präsentiert

Rahme s Comité präsentiert

Muggedätscher und Verschnuuffer

Muggedätscher und Verschnuuffer

Finale

Finale

Vom Mittelalter in die Neuzeit gerissen wird das Publikum von der „Pfluderi Clique“ mit dem „Festival“, der optisch als Montagmorgen-Blues auf dem Marktplatz daherkommt. Einfach aber wirkungsvoll die Idee, Morgenstimmung mit auf den Rücken geschnallten Pappkameraden zu simulieren.

Und dann wird gefeiert – zu Recht, denn welche Junge Garde kann schon den 100. Geburtstag feiern? Die „Junge Lälli“ kann es, und tut es in einer Uraufführung mit dem sinnigen Namen „Jubelmarsch“ von Roman Huber – toll, aber wahrlich keine leichte Kost.. Der „Lälli“-Stamm ist noch zehn Jahre älter und sich nicht zu schade, der jubilierenden Jugend mit der „Regimäntstochter“ ein Ständchen zu bringen, inklusive Vorspiel nach Donizetti..

Danach folgt mit dem „Leopard“ von Christoph Walter (Pfeifertext) und Sämi Meyer (Trommeltext) gleich eine weitere – und hier sehr melodiöse – Uraufführung. Die „Agfrässene“ entführen uns in die Hitze der Serengeti, was angesichts des aktuellen Klimas am Rheinknie nicht unwillkommen ist. Bestialisch schön und fein intoniert.

Nicht neu, aber exklusiv dem „Barbara Club“ vorbehalten ist „s Lisettli“. Dieser Marsch erinnert an eine legendäre Wirtin und Serviertochter (damals durfte man das noch so nennen!) vom Spalenberg. Nicht nur bei diesem Auftritt, aber hier speziell gut sind die Einspielungen auf der Videowand mit historischem Ambiente.

Wer beim Blick ins Programmheft dann dachte, nun werde es militärisch korrekt, sah sich bei den „Giftschnaigge“ getäuscht. Zwar wurden „Die alten Kameraden“ intoniert, dazu aber herrlicher Klamauk mit HD Läppli inszeniert. Schade nur, dass man es sich mit dem „Goschtym“ etwas sehr einfach gemacht und sich im Zeughaus bedient hat.

Hatten wir vorhin schon afrikanische Hitze auf der Bühne, so machen uns die „Wiehlmys“ mit dem Pfadfinder“ auf den Frühling „gluschtig“. Musikalisch top, aber auch hier die Kritik: Pfadiblusen und Jeans sind kein „Goschtym“.

Danach wird’s laut mit den „Olympern“, welche „D Römer“ frontal, brachial und monumental (Zitat aus dem Programmheft) auf die Kessel schlagen. Ja wenn der Komponist schon Samuel FÜRCHTEGOTT Severin heisst…

Spätestens hier aber nervte man sich über einen Regie-Einfall, der buchstäblich bis zum Erbrechen durchgezogen wurde. Trockeneisnebel waberte über die Bühne und zwang das Publikum in den ersten Reihen, sich mit Nastüchern zu schützen.

Ohne Nebel kam die „Märtplatz-Clique“ aus, die für ihren „Gendarme“ – eine Uraufführung auf eigenes Blut zurückgegriffen hat: Stephan Trüeb arrangierte Melodien von Raymond Lefèvre; der Trommeltext stammt von Andri Obrist. Ein sehr schmissiger und rassiger Ohrenschmaus im Louis de Funès-Look. Die Idee soll den „Märtplätzlern“ denn auch in den Ferien in Südfrankreich gekommen sein…

Das halbe Jahrhundert feiern die Guggenmusik „Messingkäfer“ – sie tun dies in Badeanzügen aus den Swinging Sixties und kalifornischem Flair. Bei „Sugar Baby Love“ und California Dreamin“ kommt man tatsächlich ins Träumen – von Plus-Temperaturen etwa.

Viel weiter in die Vergangenheit geht es beim CCB mit dem Marsch „Le Prisonnier de Hollande. Der Marsch soll von einem gefangenen Leutnant geschrieben worden sein aus Dankbarkeit, dass sein König ihn freikaufte. Entsprechend kommt auch der Central Club als verlumpte Häftlinge aus dem 17. Jahrhundert und hinter Gittern daher. Optisch und musikalisch ein sehr gut abgestimmter Auftritt.

Eine ganz spezielle Nummer hat sich die „Rätz-Clique“ ausgedacht. Vor Rheinhafen-Ambiente wird das Publikum in einem „Rätz Bossa Nova“ mit allerlei Schlag-Utensilien und Piccolos gerockt.

Und dann kommt der absolute Höhepunkt mit dem „Dupf-Club“ Es beginnt traditionell mit persiflierten Grufties der Wiener Philharmoniker, aber dann wird es speziell, denn Johann Strauss hatte für den „Radetzky-Marsch“ wohl den Wohlstandsbauch als Instrument eher nicht vorgesehen. Die Ärmsten dürften viel Salbe brauchen, um ihre Bäuche bis Ende des Drummeli in Form zu halten. Eine SENSATIONELLE Nummer, so komisch war es seit gefühlten 100 Jahren nicht auf einer „Monstre“-Bühne!

Sehr originell verweben dann die „Rootsheere“ den traditionellen „Glopfgaischt“ mit Walt Disney und Peter Räber (s Hippigschpängscht). Ein Hingucker, wenn nicht – Sie wissen schon: Der Trockeneisnebel…. Die ersten drei Reihen hatten mittlerweile Fumoir-Status.

An ein Fasnachts-Urgestein erinnern die „Naarebaschi“ mit „Sodeli“. Dieses Wort stand nämlich auf dem Wagen, den die „Kuttlebutzer“ bei ihrer „Skandalfasnacht“ 1974 vor dem Comité explodieren liessen. Vor Gericht stand deswegen dann die einzige Frau der Clique: S Bötschli, die prompt wegen unerlaubten Abbrennens von Feuerwerk verurteilt wurde. Sie müsste also Schutzpatronin aller Pyro-Techniker in der Muttenzerkurve sein! Der Marsch scheint äusserst schwierrig, aber die Naarebaschi bewältigten die Aufgabe gewohnt souverän.

Eine absolute Nouveauté präsentieren die „Basler Bebbi“; zum ersten Mal werden russische Militärlieder für die Basler Fasnacht arrangiert. Ob der Titel „Na Sdarowje“ (Proscht!) auf einige bekanntermassen trinkfreudige „Bebbi“ anspielt, ist nicht überliefert… Die Stimmung mit winterlich russischem Wald wäre übrigens super gewesen, wenn… Sie ahnen es!

Und gleich noch eine Uraufführung, dieses Mal von den „Opti-Mischte“ wobei Georges Bizet’ Carmen schon für einiges herhalten musste.  Mark Bächle nimmt das Thema mit „Escamillo“ auf und würzt gekonnt mit Kastagnetten und Flamenco-Vollweibern. Das Publikum atmete auf – nicht wegen des Auftritts, sondern wegen der wieder atembaren Luft

Danach erneut eine wunderschöne Kombination von Bild und Ton, wenn die „Grunz Gaischter“ Captain Jack Sparrow und seine karibischen Piraten auf der Bühne hochleben lassen. Ein gelungenes Jubiläum, Gratulation zum Vierteljahrundert!

Die „Muggedätscher“ und die „Verschnuuffer“ teilen sich nicht nur die diesjährige Drummeli-Bühne, sie teilten sich auch viele Jahrzehnte den Trommelinstruktor Benno Hunziker.  Der will nun aufhören, hat als Schluss- und Meisterstück aber beide Cliquen „Zämme“ gebracht. So nennen sie die gemeinsame „Pfyffer Daagwach“. Eine tolle Schlussnummer, die dem „Monstre“ auch von der Bühnenpräsenz alle Ehre macht.

Nach so viel Beschreibung des musikalischen nun aber noch ein paar Worte zum Wortteil. Die „Rääme“ sind zwar nicht die Hauptsache, waren aber in der Vergangenheit oft Hauptpunkt kritischer Anmerkungen. In der Ausgabe 2012 können sie sich erneut sehen lassen. Vor allem gibt es viele kleine Einlagen, die auflockern und die Zeit zwischen zwei Auftritten verkürzen. Speziell erwähnenswert sind die Ansage der „Drummeli-Leitstelle“, die freundlicherweise den Weltuntergang auf Ende Juni vorverschiebt – damit „d Schwoobe“ am 1. Juli nicht Fussball-Europameister werden können.

Auch die längeren Rahmenstücke kommen sehr gut und lustig daher, speziell die Persiflage der Telebasel-Sendung „Plätzli gsuecht“, in der bekannte Persönlichkeiten als Vierbeiner abgegeben werden sollen, so ein Boxerhund namens „Karli“ aus Schweizer-Zucht, urkomisch gespielt von Kurt Walter oder ein ewig labernder Chihuahua namens Tamara.

Zum zweiten Mal in der „Neuzeit“ gab es wieder eine Balkon-Szene. Und wir haben sie früher zu Recht vermisst. Heidi Diggelmann als Zürcherin auf der einen und Charlotte Heinimann als „Schwöbin“ auf der anderen Balkonseite geben sich und Basel aufs Dach, dass es nur so kracht. Ein Highlight!

Als Schnitzelbank trat zum einen der „Schwoobekäfer“ auf, der zwar (noch) nicht einen absoluten Spitzenvers hatte, aber auch keinen, der abfiel – und halt in seiner staubtrockenen Art unübertrefflich ist. Der „Singvogel“ bot sich in einem glänzenden Vortrag als allfälliger Vogel-Nachfolger an und lieferte einen Brüller mit einem „Saich“-Langvers.

Zum Schluss noch eine tolle Show mit Marcel Mundschin als Michael Jackson in der berühmten „Thriller“-Nummer – aber leider konnten die Tanzeinlagen nicht sehr lange genossen werden, den die Regie sah wieder eine Nebelwand vor.

Dies also der Monster-Artikel zum fast gleichnamigen Anlass. Dieser dauert lange, muss aber keinesfalls erdauert werden. Sie können sich freuen, wenn sie noch eines der raren Billetts haben – es sei denn, es wäre ein Platz in den Reihen 1-3. Dann allerdings empfielt sich das Mitbringen einer Gasmaske oder eines Mundschutzes. Ansonsten mit gutem Gewissen: Viel Vergnügen!

Mehr Bilder  gibt es wie immer in unserer Galerie.

Drummeli 2012: Bis 17 Februar im Musical Theater Basel Für die Vorstellungen von Montag bis Donnerstag sind noch wenige Billetts vorhanden. Man bekommt sie bei Bider&Tanner, Ihr Kulturhaus mit Musik Wyler oder beim Fasnachtscomité. Infos unter : www.fasnachts-comite.ch